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Historisches zum Gebäude

StichDas an der Ecke Meckenheimer Allee / Nußallee in den Jahren 1888-1890 für die geodätisch-kulturtechnische Abteilung der Landwirtschaftlichen Akademie errichtete Lehrgebäude hatte wegen seiner Lage und seiner geradezu einschüchternden Massigkeit bereits die Gemüter der Zeitgenossen erhitzt. Die an italienische Renaissance-Paläste anklingende äußere Gestalt stellte daher fast schon ein städtebauliches Ärgernis dar. Der Entwurf für das dreigeschossige, an den Fassaden mit gelben Verblendern unter Verwendung von reichlich Werkstein für Gesimse, Sohlbänke und Säulchen versehene Gebäude war im Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten in Berlin erstellt worden, die Bauausführung lag in den Händen des Universitätsarchitekten, Kreisbauinspektor Ernst Reinike.

Der mittige erschlossene Bau enthielt im Erdgeschoß einen Hörsaal und die Sammlungsräume für den landwirtschftlichen und kulturtechnischen Untericht, ebenso wie eine Aula, die auch für Bibliothekszwecke bestimmt war, ferner Lese- und Konferenzzimmer, ein Sprechzimmer des Direktors sowie eine kleine anatomische Sammlung. Das erste Stockwerk war ausschließlich für die Zwecke des geodätische Unterrichts bestimmt und enthielt dem entsprechend große Zeichen- und Übungssäle für die Vermessungs- und Instrumentenkunde, Sammlungs- und Dozentenzimmer. Im zweiten Stockwerk befanden sich die Arbeits- und Sammlungsräume des Dozenten für Baukunde und der gemeinschaftliche Hörsaal für den Unterricht in der Vermessungs- und Baukunde.

Die Forderung nach einer derartigen Vielzahl größerer, über das gesamte Gebäude verteilter Säle bedingte eine ebenso ungewöhnliche wie neuartige Deckenausbildung: Schlanke, gußeiserne Säulen mit Basis und Kapitell durchziehen im Abstand von 3 - 3,5 m mittig die Raumkompartimente durch alle drei Geschosse, in den Mitteltrakten in Quer-. in den Seitentrakten in Längsrichtung. Ihnen liegen Kreuzgratgewölbe auf, die in Wandvorlagen respektive Konsolen entsprechende Widerlager finden. Damit war ein Höchstmaß an Transparenz und Variabilität des Grundrisses erreicht. Den an der Westseite des Mittelteils eingefügten Flur überspannten ebenfalls Kreuzgratgewölbe zwischen Gurtbögen. Es entsteht der Eindruck eines Rasternetzes, das über den gesamten Grundriß gelegt wurde, in Wirklichkeit aber nicht durchgängig ist, sondern individuell für jeden Raum gestaltet wurde.

Auffallend ist die für Gebäude dieser Art ungewöhnlich starke Verwendung von Eisen und zwar bewußt als Konstruktionselement - eine Novität für den universitären Institutsbau. Die bautypologische Herleitung dieser Architekturform des großflächigen Gewölberasters von Stallgebäuden, insbesondere Marställen des Barock und des Klassizismus liegt auf der Hand, was bei dem Planverfasser, dem Landwirtschaftsministerium, nicht verwundert. Allerdings wurden jetzt die oftmals aufwendig in Haustein gearbeiteten Säulen durch die unkomplizierter im Gußverfahren hergestellten, dazu eleganteren, in den Dimensionen sehr viel schlankeren Stützen ersetzt. Sie finden sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ebenso auch in Wirtschaftsgebäuden, Fabrik- wie Bahnhofshallen.

KreuzgratIm Falle unseres Institutsneubaus war es mit Hilfe des modernen Konstruktionselementes Eisen möglich, größere Flächen, individuell den exakten Raumbedürfnissen angepaßt, mit einer gewissen »Leichtigkeit zu überwölben und ihm trotz der althergebrachten Gewölbetechnik und dem damit sich in Harmonie befindenden antikisierenden Äußeren den Eindruck eines modernen, ästhetisch vollbefriedigenden Zweckbaus zu verleihen. Der Rückgriff auf die dem mittelalterlichen Sakralbau entlehnten Kreuzgratgewölbe anstelle der zu dieser Zeit in Kombination mit Eisensäulen üblichen (preußischen) Kappendecken war das Zugeständnis an die Würde der Institution und der sie verkörpernden Personen. Von diesen Zwängen fühlte man sich im zweiten Obergeschoß - den Räumen der technischen Abteilung - offensichtlich frei.

WelldeckeWie anders sonst ist die hier zur Anwendung gekommene, technisch nüchterne Ausbildung der Decken zu erklären, nach den Angaben des »Centralblatts der Bauverwaltung« von 1891 als »mit Betonauftrag versehene Wellblechdecken zwischen Eisenträgern«. d. h. zwischen Doppel-T-Trägern gespannte. leicht gewölbte Wellbleche mit Betonguß darüber. Die Mitte war auch hier von Eisengußsäulen unterfangen. Die»Wellen« der ca. 80 cm breiten Bleche sind breiter als heute üblich. Die Eisenträger tragen die Beschriftung »Gutehoffnungshütte Nr. 24«.

Die starke Zunahme von Studierenden der Geodäsie - zeitweise ca. 400 - bewirkte zwangsläufig innerhalb des Gebäudes einen Verdrängungsprozeß, so daß das Geodatische Institut bald über das gesamte erste und zweite Obergeschoß sowie Teile des Kellergeschosses verfügte. Die Folge waren Modernisierungen im Inneren, die Schaffung eines größeren zusätzlichen Hörsaals und die Aufstockung um ein Turmobservatorium, von dem aus sich wetterunabhängig nicht nur der Sternenhimmel, sondern auch Hochziele in der weiteren Umgebung beobachten ließen. Seine Architektur steht in geradezu organischer Verbindung mit den Gegebenheiten des Altbaus.

Gestühl HS9Der neue Hörsaal wurde im Zusammenhang mit Umbaumaßnahmen 1909 im zweiten Obergeschoß an Stelle zweier Sammlungssale geschaffen, hatte eine Größe von immerhin 136 qm und bot 180 Hörern Platz. Der Fußboden, mit Buchenparkett belegt, steigt rampenartig im Verhältnis etwa 8 : 100 ohne Einfügung von Stufen nach hinten an. Um eine bessere Sicht von allen Plätzen aus zu ermöglichen, wurden die vier Eisensäulen beseitigt und statt dessen in die Wandpfeiler vier etwa 9,5 m lange, 30x30 cm große sogenannte Differdinger Breitflansch-Träger eingezogen, »eine schwierige Arbeit, für die Bauverwaltung erst nach langen Bedenken zu haben war«, wie der Institutsdirektor Curtius Müller vermerkt. Zu diesem Zeitpunkt wurden im Erdgeschoß und ersten Obergeschoß zur Stabilisierung zusätzliche Zuganker zwischen den Eisensäulen und Wänden eingezogen.

Pult HS9Die in den Sommermonaten 1995 durchgeführten Restaurierungsarbeiten umfaßten eine farbige Neufassung von Wänden und Decke in Beige-Ocker-Braun auf der Basis der Ergebnisse stratigraphischer Untersuchungen Pult.jpg (29544 Byte)durch die Werkstatt 11 des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege, das Abschleifen und Versiegeln des Parkettbodens und die schreinerische Uberarbeitung sämtlicher Holzteile. Insbesondere galt es. das fast 90 Jahre alte Gestühl - teils Eiche, teils Buche - vor der Vernichtung zu retten, holztechnisch aufzuarbeiten und wieder voll funktionstüchtig zu machen. Das gleiche geschah mit dem um eine Stufe erhöht aufgestellten Dozentenpult. Das aus Eichen- und Weichholz gearbeitet ist und in seiner aufwendigen Verarbeitung mit Schnitzereien und Kassetierung wohl noch von der Erstausstattung um 1890 stammt. Als Verlust sind die beiden zweiflügeligen Türen zu beklagen, die einer Nachkriegs-modernisierung zum Opfer fielen.

 

Text: Prof. Dr. Dieter Morgenstern

 

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